Vier Teile lang hat diese Serie gezeigt, wie die Alterssicherung der arbeitenden Bevölkerung immer wieder ausgeplündert wurde: durch Kriegsanleihen und Inflation, durch Adenauers Systemwechsel, durch Riester, durch die Kapitalmarkt-Rente. Die Frage „Und was ist Ihre Lösung?" ist berechtigt, aber an die falsche Adresse gerichtet. Ein Einzelner schuldet keine Reform. Und es gibt einen tieferen Grund, warum jede Rentenreform scheitern muss: Sie wird innerhalb eines Geldsystems gebaut, in dem Geld als verzinste Schuld entsteht und der Gläubiger den Ton angibt. Solange das nicht verstanden ist, bleibt jede Lösung ein neues Kapitel desselben Raubs.
Wer vier Teile lang beschreibt, wie man Menschen um ihre Alterssicherung gebracht hat, bekommt irgendwann dieselbe Frage gestellt: Gut und schön, aber was schlagen Sie denn vor? Die Frage klingt vernünftig. Sie ist es nur zur Hälfte. Dieser fünfte Teil beantwortet sie trotzdem, aber anders, als mancher erwartet. Er liefert kein Rentenmodell. Er zeigt, warum es kein Rentenmodell geben kann, das funktioniert, solange über das Fundament nicht gesprochen wird, auf dem jedes dieser Modelle steht: das Geld selbst.
Eine Korrektur, die keine Niederlage ist
Zuerst eine Korrektur in eigener Sache. Im ersten Teil dieser Serie stand der Gedanke, die Beiträge der Versicherten könnten auf individuellen, geschützten Kapitalkonten angelegt werden. Leser haben zu Recht eingewandt, dass sich das mit der eigenen Analyse beißt. Wenn die Serie eines belegt, dann dies: Angespartes Kapital war nie sicher. Bismarcks kapitalgedeckte Rentenkasse wurde in zwei Weltkriegen und zwei Inflationen vernichtet, genauer gesagt, das Kapital wechselte den Besitzer. Wer heute wieder Kapitalstöcke empfiehlt, empfiehlt den nächsten Tresor für die nächste Plünderung.
Der Vorschlag aus Teil I wird deshalb hiermit zurückgenommen. Die Begründung lieferte der Ökonom Gerhard Mackenroth schon 1952: Jede Versorgung der Alten, gleich wie sie organisiert ist, muss aus dem bezahlt werden, was in derselben Zeit produziert wird. Man kann Brot nicht für dreißig Jahre einlagern. Ein Kapitalstock ist kein Vorrat an Gütern, sondern ein Bündel von Ansprüchen auf künftige Produktion. Ob diese Ansprüche später eingelöst werden, entscheidet nicht der Sparer, sondern wer zu diesem Zeitpunkt die Macht über das Geld hat. Das ist keine Nebenbemerkung. Das ist der Schlüssel zu allem, was folgt.
„Und was ist Ihre Lösung?"
Wer einen Einbruch anzeigt, muss der Polizei kein neues Schließsystem vorlegen, bevor man ihm zuhört. Wer einen Betrug aufdeckt, wird nicht gefragt, wie er das Unternehmen besser führen würde. Nur bei gesellschaftlicher Kritik gilt plötzlich eine andere Regel: Wer kritisiert, soll gefälligst auch die Lösung liefern, sonst sei er bloß ein Nörgler.
Man sollte sich diese Forderung genauer ansehen, denn sie ist ein Abwehrmanöver. Sie verschiebt die Last von denen, die das System gebaut haben und daran verdienen, auf den, der hinschaut. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Rentenkommissionen, Sachverständigenräte, Ministerien, Lehrstühle und Versicherungskonzerne mit nichts anderem. Sie verfügen über Personal, Daten, Budgets und Gesetzgebungsmacht. Von ihnen verlangt niemand, endlich eine Lösung vorzulegen, die nicht wieder bei der Finanzindustrie endet. Vom einzelnen Autor, der ihre Ergebnisse nachzeichnet, verlangt man es sofort.
Eine gesellschaftliche Frage hat eine gesellschaftliche Antwort. Die Aufgabe dieser Serie war eine andere: zu zeigen, was passiert ist. Dass es kein Versehen war, kein demografisches Naturgesetz und keine Kette unglücklicher Reformen, sondern eine Abfolge von Vermögensverschiebungen, die jedes Mal unter dem Namen „Reform" verkauft wurde. Wer das verstanden hat, stellt andere Fragen. Und genau darum geht es.
Warum die Rente am Geld hängt
Die meisten Menschen glauben, Geld werde von der Zentralbank gedruckt und von den Banken nur weiterverliehen. Das stimmt nicht, und das sagen nicht Außenseiter, sondern die Notenbanken selbst. Die Deutsche Bundesbank hat es in ihrem Monatsbericht vom April 2017 erklärt, die Bank of England schon 2014 in ihrem Quarterly Bulletin: Der weitaus größte Teil des Geldes, mit dem wir bezahlen, entsteht, wenn eine Geschäftsbank einen Kredit vergibt. Die Bank schreibt dem Kreditnehmer einen Betrag gut, und dieses Geld war vorher nicht da. Es entsteht aus dem Nichts, als Buchung, und es entsteht als Schuld.
Wird der Kredit getilgt, geschieht das Umgekehrte: Das Geld verschwindet wieder. Die Buchung wird rückgängig gemacht, das Geld kehrt dorthin zurück, woher es kam, ins Nichts. Was nicht verschwindet, ist der Zins. Er wurde nie mitgeschöpft, muss aber bezahlt werden, und zwar mit Geld, das anderswo durch einen anderen Kredit entstanden ist. Jeder Zins, der heute bezahlt wird, setzt also voraus, dass sich irgendwo jemand neu verschuldet hat.
Bei der Bank landet der Zins als Ertrag. Ein großer Teil wird weitergereicht, als Zins an Sparer, Anleger und Anleihegläubiger, also an die Besitzer von Geldvermögen. Ein Teil geht in Gehälter und Dividenden. Der Rest bleibt als Gewinn in der Bank und stärkt ihr Eigenkapital. Wörtlich weiterverliehen wird der Zins dabei nicht, denn Banken verleihen kein vorhandenes Geld, sie schöpfen es neu. Aber mehr Eigenkapital erlaubt ihnen nach den Aufsichtsregeln, mehr neue Kredite zu vergeben. Der Zins von gestern wird so zum Fundament der Schulden von morgen.
Ökonomen wenden ein, das Zinsgeld fließe über Gehälter und Ausgaben der Banken doch in den Kreislauf zurück. Teilweise stimmt das. Entscheidend ist aber, wohin es zuerst fließt: zu denen, die Geldvermögen besitzen. Von dort geht es bevorzugt in neue Anlagen, in Immobilien und Boden, nicht in Löhne. Und weil Zinserträge wieder verzinst angelegt werden, wächst der Berg an Forderungen mit Zins und Zinseszins, und mit ihm auf der Gegenseite der Berg an Schulden. Das ist der Kern: Ein Geldsystem, das auf verzinster Schuld beruht, verteilt dauerhaft von denen, die arbeiten und Kredite brauchen, zu denen, die Geld besitzen und verleihen. Und es bleibt nur stabil, solange die Gesamtverschuldung weiter wächst. Werden mehr Kredite getilgt als neu vergeben, schrumpft die Geldmenge, und die Wirtschaft gerät ins Stocken.
Dazu kommt ein zweiter Mechanismus. Geld, das Zinsen bringt, muss nicht ausgegeben werden. Wer genug davon hat, kann es zurückhalten, bis die Bedingungen stimmen. Arbeit kann man nicht horten, Brot nicht, Zeit nicht. Geld schon. Damit hat der Besitzer von Geld gegenüber jedem, der etwas anderes anzubieten hat, einen strukturellen Vorteil. Die Nullzinsphase von 2014 bis 2022 hat übrigens gezeigt, wohin das Geld geht, wenn der Zins gedrückt wird: Es wanderte nicht in die Löhne, sondern in Grundstücke und Immobilien. Die Mieten und Bodenpreise haben den Zins ersetzt.
Was hat das mit der Rente zu tun? Alles. Jede Rente, egal ob umlage- oder kapitalgedeckt, wird aus Löhnen und Produktion bezahlt. Wenn ein immer größerer Teil dessen, was erarbeitet wird, als Zins, Rendite und Bodenrente an die Besitzer von Geld und Boden abfließt, bleibt für Löhne, Beiträge und Renten immer weniger. Das Umlageverfahren wird dann nicht von der Demografie erdrückt, sondern von diesem Abfluss. Und die angebotene Rettung, das Kapitalmarktdepot, ist nichts anderes als der Versuch, die Rentner selbst zu kleinen Gläubigern zu machen, damit sie ein wenig vom Abfluss zurückbekommen, gegen Gebühren, versteht sich, und nur solange die großen Gläubiger es zulassen.
Wer leiht, befiehlt
Der Staat könnte das ändern, sollte man meinen. Er kann es nicht, und das ist so gewollt. Nach Artikel 123 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union darf die Zentralbank den Staaten keinen Kredit geben und ihnen ihre Anleihen nicht direkt abkaufen. Der Staat darf also sein eigenes Geld nicht schöpfen. Er darf sich verschulden, aber nur bei anderen: am Kapitalmarkt, bei Banken, Fonds und Versicherungen. In Deutschland läuft das über die Finanzagentur des Bundes und ein Konsortium ausgewählter Banken, die die Bundesanleihen ersteigern und weiterverkaufen. Dazu kommt die Schuldenbremse im Grundgesetz, die den Spielraum noch einmal begrenzt, mit Ausnahmen, die immer dann gefunden werden, wenn es um Banken, Rüstung oder Sondervermögen geht, und nie, wenn es um Rentner oder Arme geht.
Das Ergebnis ist eine einfache Machtordnung. Das Geld, ohne das kein Staat handeln kann, wird privat geschöpft und dem Staat gegen Zins geliehen. Wer verleiht, stellt die Bedingungen. Er bewertet die Kreditwürdigkeit, er verlangt Haushaltsdisziplin, er belohnt Kürzungen bei Sozialausgaben mit günstigen Zinsen und bestraft Umverteilung mit Misstrauen. Der Volksmund hat das längst auf den Punkt gebracht: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Eine Regierung, die vom Kapitalmarkt finanziert wird, singt das Lied des Kapitalmarkts, gleich welche Partei sie stellt.
Deshalb ist es kein Zufall, dass jede Rentenreform der letzten Jahrzehnte in dieselbe Richtung lief. Riester leitete Beiträge in private Versicherungsverträge. Das Generationenkapital sollte öffentliche Gelder am Aktienmarkt anlegen, mit den großen Vermögensverwaltern an der Seite. Jede neue Idee eines Vorsorgedepots für Kinder oder Beschäftigte folgt dem gleichen Muster. Die Rente wird nicht reformiert, sie wird an das Geldsystem angeschlossen. Wer an diesem System verdient, verdient auch an jeder Reform, die es ihm weiter öffnet.
Warum jede Rentenreform daran zerschellt
Man kann jetzt einwenden: Es gibt doch vernünftige Vorschläge. Die Beitragsbemessungsgrenze abschaffen, Beamte, Abgeordnete und Selbständige in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen, Kapitaleinkommen zur Finanzierung heranziehen, versicherungsfremde Leistungen aus Steuermitteln erstatten. Das alles ist richtig, und Teil II dieser Serie hat gezeigt, warum keiner dieser Vorschläge umgesetzt wird: weil jeder von ihnen die Machtfrage berührt.
Aber selbst wenn sie alle umgesetzt würden, bliebe das Grundproblem. Eine breite, gerechte Umlage verteilt nur das, was nach dem Abfluss an Zins und Bodenrente übrig bleibt. Sie kann den Raub mildern, sie kann ihn nicht beenden. Wer die Rente sichern will, ohne über das Geld zu reden, flickt einen Eimer, dessen Boden fehlt. Das ist der Grund, warum diese Serie kein Rentenmodell anbietet. Nicht weil es keine Ideen gäbe, sondern weil jede Idee, die das Geldsystem ausklammert, zwangsläufig scheitert oder von denselben Kräften vereinnahmt wird, die schon die vorigen Reformen geschrieben haben.
Denkrichtungen, keine Rezepte
Es gibt Menschen, die über ein anderes Geld nachgedacht haben, und es lohnt sich, sie zu kennen, ohne sie gleich zu Rettern zu erklären. Silvio Gesell schlug 1916 ein Geld vor, das an Wert verliert, wenn man es hortet, sogenanntes Freigeld, und dazu die Rückführung des Bodens in gemeinschaftliches Eigentum, Freiland. John Maynard Keynes, gewiss kein Außenseiter, würdigte Gesell 1936 ausdrücklich und meinte, die Nachwelt werde mehr von ihm lernen als von Marx. Die österreichische Gemeinde Wörgl probierte 1932 ein solches Schwundgeld aus, die Arbeitslosigkeit ging zurück, die Gemeinde baute und zahlte ihre Schulden. Nach gut einem Jahr verbot die Österreichische Nationalbank das Experiment. Man darf fragen, warum.
Eine andere Denkrichtung kam 1933 aus Chicago. Mehrere Ökonomen, später auch Irving Fisher, forderten, den Geschäftsbanken das Recht zur Geldschöpfung zu entziehen und es allein der öffentlichen Hand zu übertragen. Heute heißt dieser Gedanke Vollgeld. Die Schweizer haben 2018 darüber abgestimmt, nach einer massiven Kampagne der Banken und der Nationalbank stimmte eine große Mehrheit dagegen. Auch das sagt etwas darüber, wer in solchen Fragen die Deutungshoheit hat.
Ein Wort der Abgrenzung gehört dazu, weil es sonst andere für uns sprechen. Geldkritik ist kein rechtes Eigentum. Die Nationalsozialisten haben mit der Parole von der „Brechung der Zinsknechtschaft" geworben und sie in ein antisemitisches Feindbild verwandelt. Durchgesetzt haben sie nichts davon, im Gegenteil, das Regime arbeitete eng mit den Großbanken und der Schwerindustrie zusammen. Wer Strukturen analysiert, sucht keine Sündenböcke. Es geht um einen Mechanismus, nicht um Menschen, und schon gar nicht um eine Gruppe.
Ob Freigeld, Vollgeld oder etwas, das noch niemand gedacht hat: Keine dieser Ideen ist hier eine Empfehlung. Jede müsste gründlich geprüft, durchgerechnet und demokratisch entschieden werden. Sie zeigen nur, dass das heutige Geld kein Naturgesetz ist, sondern eine Entscheidung. Und was entschieden wurde, kann anders entschieden werden.
Erst das Bewusstsein, dann die Lösung
Warum ist das so schwer? Weil die Macht genau hier sitzt. Wer das Geld schöpft, lenkt die Geldströme. Wer die Geldströme lenkt, entscheidet, was gebaut wird, wer Kredit bekommt und welche Regierung als solide gilt. Das ist keine Macht, die man in einer Wahl abgibt. Sie wird verteidigt werden, mit allen Mitteln, mit Gutachten, mit Medienkampagnen, mit dem Vorwurf, wer über das Geld rede, sei naiv, gefährlich oder Schlimmeres. Diese Reaktion gehört zum System. Sie ist kein Gegenargument.
Genau deshalb steht die Erkenntnis vor der Lösung. Solange die Mehrheit glaubt, die Rente sei an der Demografie gescheitert, wird sie jede Kürzung als Naturereignis hinnehmen und jedes Vorsorgedepot als Fortschritt begrüßen. Erst wenn verstanden ist, dass die Alterssicherung mehrfach ausgeplündert wurde und dass der Mechanismus dahinter im Geld selbst liegt, kann überhaupt eine Debatte beginnen, die diesen Namen verdient. Diese Debatte kann kein Einzelner führen und kein Einzelner entscheiden. Sie gehört der Gesellschaft.
Diese Serie hat ihren Teil getan. Sie hat gezeigt, was geschehen ist, von den Kriegsanleihen bis zur Kapitalmarkt-Rente. Die Antwort auf die Frage „Was nun?" kann nicht von einem Blog kommen. Aber nach fünf Teilen kann niemand mehr sagen, er habe nicht gewusst, wo er suchen muss: nicht in der Rentenkasse, sondern in der Frage, wem das Geld gehört.
Teil I dieser Serie: Der doppelte Raub – Oder: Warum Ihnen niemand erzählt, wie die Rente wirklich funktioniert
Teil II: Warum die Rentendebatte immer dort aufhört, wo sie anfangen müsste
Teil III: Der dritte Raub – oder: Warum die Kapitalmarkt-Rente denselben Mechanismus wiederholt
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen