Was du wissen musst – in 30 Sekunden
„Ohne Unternehmer keine Unternehmen und keine Arbeitsplätze“ – so lautet das Mantra, das ein YouTuber mir in einer Kommentardebatte entgegenhielt. Die Menschheit hat aber Zehntausende Jahre ohne den Unternehmer als eigene Figur gewirtschaftet. Zum Helden wurde er erst vor gut hundert Jahren. Die großen Erfindungen kamen überwiegend von angestellten Forschern und aus öffentlich finanzierten Laboren, die Verbesserungen in der Produktion von denen, die an der Maschine stehen. Das Patentrecht, angeblich zum Schutz des Erfinders geschaffen, sicherte von Anfang an vor allem den ab, der das Kapital hatte, und bis heute fällt die Erfindung des Angestellten von Gesetzes wegen dem Arbeitgeber zu. Die ökonomische Macht kauft sich die Intelligenz ein, die sie braucht, und schreibt sich das Ergebnis als eigene Größe zu. Erfunden hat im Großen und Ganzen der kleine Michel. Am Ende der Debatte stand keine Antwort, sondern eine Blockade.
Es fing mit einem Kommentar an. Mounir Jaber, der sich selbst als Sprachphilosoph bezeichnet, hatte in einem Video über Unternehmertum und künstliche Intelligenz das Unternehmertum zu einer Art höheren Form menschlicher Intelligenz, Verantwortung und gesellschaftlicher Kompetenz erhoben. Dazu kam die These, die KI werde wirtschaftliche Macht gleichsam von selbst abschaffen. Ich habe darunter gefragt, seit wann eine Gewerbeanmeldung ein Intelligenznachweis ist und wem eigentlich die Rechenzentren, die Chipfabriken und die Plattformen gehören. Jaber antwortete selbst, und zwar mit dem Satz, der seit Jahrzehnten jede Debatte über Verteilung beenden soll:
„Ohne Unternehmer gibt es keine Unternehmen. Ganz einfach und somit dann auch keine Arbeitsplätze.“
Ganz einfach ist daran gar nichts. Der Satz ist eine Tautologie, die sich als Naturgesetz verkleidet. Und er ist der Grundstein eines Mythos, den man mir seit Jahren in immer neuen Varianten vorsetzt.
Das Mantra von den starken Schultern
Man kennt die Litanei. Der Mittelstand ist das Rückgrat der Gesellschaft. Die Unternehmer tragen die Last auf ihren starken Schultern. Sie schaffen die Arbeitsplätze, sie erwirtschaften den Wohlstand, sie gehen das Risiko ein, und alle anderen leben irgendwie davon. Wer das hinterfragt, gilt als neidisch, als ahnungslos oder als jemand, der nie „etwas aufgebaut“ hat.
Ich kann es bald nicht mehr hören. Denn schon die einfachste Gegenprobe zerlegt das Bild. Ohne Arbeitnehmer gibt es keine Produktion. Ohne Kunden gibt es keinen Umsatz. Ohne Schulen, Straßen, Stromnetze, Gerichte und Rechtsstaat gibt es überhaupt keinen Markt, auf dem irgendein Unternehmer irgendetwas verkaufen könnte. Arbeitsplätze entstehen nicht, weil jemand ein Gewerbe anmeldet. Sie entstehen, weil es Nachfrage gibt, und diese Nachfrage kommt zum allergrößten Teil von den Lohnabhängigen. Auch die angeblich so starken Schultern sind bei Lichte betrachtet schmaler als behauptet: Die mit Abstand größten Steuerquellen dieses Landes sind seit Jahren die Lohnsteuer und die Umsatzsteuer. Beide zahlt im Wesentlichen die arbeitende Bevölkerung, die eine bei jeder Lohnabrechnung, die andere bei jedem Einkauf.
Zehntausend Jahre ohne Unternehmer
Noch grundsätzlicher wird es, wenn man den Blick in die Geschichte richtet. Die Menschheit hat Zehntausende Jahre gewirtschaftet, gebaut, produziert und verteilt, ohne dass es den Unternehmer als eigene Figur gab.
In indigenen Gesellschaften wurde Arbeit über Verwandtschaft, Gegenseitigkeit und Gabentausch organisiert. Marcel Mauss hat das 1925 in seinem „Essai sur le don“ beschrieben. Niemand „gab“ dort Arbeitsplätze. Die Gemeinschaft regelte, wer jagt, wer sammelt und wer verteilt, und sie hat damit über Jahrtausende überlebt.
Die Antike kannte Händler und Großgrundbesitzer, aber sie hat sie nicht verehrt. Cicero hält in „De officiis“ den Kleinhandel für eines freien Mannes unwürdig. In Rom verbot die Lex Claudia von 218 v. Chr. den Senatoren, große Handelsschiffe zu besitzen. Wer herrschen wollte, sollte gerade nicht Geschäftsmann sein. Die eigentliche Arbeit machten Bauern, Handwerker und Sklaven.
Im Mittelalter regelten die Zünfte Preise, Qualität und den Zugang zum Handwerk. Die Allmende wurde gemeinsam genutzt, die Klöster wirtschafteten kollektiv, und es galt das kirchliche Zinsverbot. Gewinnstreben war eher verdächtig als bewundernswert. Wie die Allmende später eingezäunt wurde und was das mit unserer heutigen Grundsicherung zu tun hat, habe ich in der Reihe „Die eingezäunte Freiheit“ beschrieben.
Selbst die Amischen, die man gern als Gegenbeispiel bemüht, taugen nicht zum Beleg für den Mythos. Viele von ihnen führen durchaus kleine Familienbetriebe, in der Landwirtschaft, im Möbel- und im Bauhandwerk. Aber bei ihnen steht die Gemeinde über dem Betrieb. Statt kommerzieller Versicherung gibt es gegenseitige Hilfe, die Scheune wird gemeinsam aufgerichtet, und wer sich selbst herausstellt, gilt als hochmütig. Die Wirtschaft ist dort, wie Karl Polanyi es genannt hat, in die Gesellschaft eingebettet und nicht über sie gestellt.
Polanyi hat in „The Great Transformation“ von 1944 gezeigt, dass die Marktgesellschaft, in der die Wirtschaft die Gesellschaft beherrscht, in der Menschheitsgeschichte die Ausnahme ist und nicht die Regel. Die Tätigkeit, Arbeit zu organisieren, ist uralt. Sie wurde von Gemeinschaften, Zünften, Klöstern und Familien ausgeübt. Neu ist allein, dass man sie an Kapitaleigentum knüpft und daraus eine überlegene Menschenklasse macht.
Wie der Unternehmer zum Helden wurde
Der Unternehmer als ökonomischer Begriff taucht erst bei Richard Cantillon auf, in seinem um 1730 geschriebenen und 1755 erschienenen „Essai sur la nature du commerce en général“. Bei Cantillon ist der „entrepreneur“ allerdings noch nüchtern gedacht: jemand, der zu festen Preisen einkauft und zu unsicheren Preisen verkauft, also ein Risikoträger, kein Genie.
Zum Helden macht ihn erst Joseph Schumpeter 1911 mit seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“. Dort tritt er als schöpferischer Zerstörer auf, als der eine, der gegen alle Widerstände Neues durchsetzt, während die Masse im Gewohnten verharrt. Ayn Rand treibt das 1957 in „Atlas Shrugged“ auf die Spitze. Dort treten die Unternehmer in den Streik, und die Welt bricht zusammen, weil die Tüchtigen ihre Last nicht mehr tragen. Von da führt eine gerade Linie zum Gründerkult des Silicon Valley, zu den Hoodie-Propheten auf der Bühne und zu den YouTube-Videos, die ihnen applaudieren.
Das sind gut hundert Jahre Ideologiegeschichte. Eine anthropologische Konstante ist es nicht. Und Rands Gedankenexperiment lässt sich jederzeit an der Wirklichkeit prüfen. Wenn die Lokführer streiken, steht das Land nach Stunden still. Wenn die Pflegekräfte die Arbeit niederlegen, merkt man es auf jeder Station sofort. Wenn dagegen ein Vorstand drei Wochen im Urlaub ist, merkt es im Betrieb kaum jemand. Ich habe diese Gegenprobe in „Die Arbeit tun die anderen“ an der Putzfrau und dem Hedgefonds-Manager ausführlich durchgespielt.
Der Taschenspielertrick: Aus dem Unternehmer wird der Erfinder
Als ich Jaber das historische Argument entgegenhielt, kam eine bemerkenswerte Wendung:
„Ich bin Sprachphilosoph. Unternehmer ist für mich ein austauschbarer Begriff. Ganz gleich in welcher Zeit in der Menschheitsgeschichte wir uns befinden, so oder so waren wir darauf angewiesen, dass irgendwer dank seines Erfinderreichtums auf Ideen kam, die dazu beitrugen, dass wir uns als Gesellschaft weiterentwickelt haben.“
Für einen Sprachphilosophen ist das ein erstaunlicher Satz. Denn genau diese Gleichsetzung ist der Kern der Ideologie, um die es geht. Wer den Unternehmer mit dem Erfinder, dem Tüftler, dem mutigen Innovator gleichsetzt, hat die Überhöhung bereits vollzogen. Die Begriffe sind eben nicht austauschbar, und die Geschichte der Erfindungen belegt das Gegenteil dessen, was Jaber behauptet.
Der Transistor, ohne den es keinen einzigen Computer gäbe, entstand 1947 bei angestellten Forschern der Bell Labs. Das World Wide Web erfand Tim Berners-Lee 1989 als Angestellter am CERN, einer öffentlich finanzierten Forschungseinrichtung. Internet, GPS und Touchscreen gehen auf staatlich finanzierte Forschung zurück. Die Ökonomin Mariana Mazzucato hat 2013 in „The Entrepreneurial State“ ausführlich nachgewiesen, dass praktisch jede Schlüsseltechnologie im Smartphone aus öffentlichen Laboren und Programmen stammt, nicht aus der Garage eines Gründers. Und Johannes Gutenberg, der Erfinder schlechthin, verlor 1455 seine Werkstatt an seinen Geldgeber Johannes Fust. Der Kapitalgeber nahm die Druckerpresse, der Erfinder ging leer aus. Das ist kein Betriebsunfall der Geschichte. Das ist ihr Muster.
Dann folgte der Satz, mit dem Jaber die Überhöhung, die er eben noch bestritten hatte, gleich selbst lieferte:
„Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus ist das tendenziell ein Mindset, dass für die meisten Angestellen eher nicht so Standart ist.“
Da ist er also wieder, der Unternehmer als höherer Mensch mit dem besseren „Mindset“. Dass viele Angestellte ihre Ideen nicht umsetzen, liegt aber nicht an ihrem Charakter. Es liegt daran, dass sie weder die Verfügung über die Produktionsmittel noch die Freiheit dazu haben. Das ist eine Frage der Machtverhältnisse, keine Frage der Mentalität.
Wer die Maschine wirklich verbessert
Wer jemals in einem Betrieb gearbeitet hat, weiß, woher die Verbesserungen kommen. Es ist der Arbeiter am Band, der feststellt, dass dieser Arbeitsgang nichts taugt, dass die Maschine anders aussehen und woanders stehen muss oder dass sie ganz überflüssig ist. Die ganzen Optimierungsprozesse kommen von unten, nicht von oben.
Das ist keine Sozialromantik, sondern dokumentierte Industriegeschichte. Das berühmte Produktionssystem von Toyota, das die gesamte Weltindustrie umgekrempelt hat, beruht auf genau diesem Prinzip. Seit 1951 betreibt Toyota ein betriebliches Vorschlagssystem, über das die Beschäftigten Millionen von Verbesserungsvorschlägen eingereicht haben. Kaizen, die ständige Verbesserung in kleinen Schritten, ist im Kern nichts anderes als die systematische Abschöpfung des Wissens derer, die die Arbeit tatsächlich machen. Jeder Arbeiter darf dort das Band anhalten, wenn er einen Fehler sieht, weil man begriffen hat, dass er den Fehler besser sieht als jeder Manager. In Deutschland führte Alfred Krupp bereits 1872 mit seinem „Generalregulativ“ eine Regelung ein, nach der Verbesserungsvorschläge der Arbeiter entgegengenommen werden sollten. Das betriebliche Vorschlagswesen ist also über 150 Jahre alt. Die Unternehmen wussten immer, wo die Ideen herkommen.
Das Patentrecht: Ein Erfinderschutz, der den Erfinder enteignet
Wer verstehen will, wie diese Aneignung funktioniert, muss sich das Patentrecht ansehen. Es wird bis heute als Schutz des genialen Erfinders vor Nachahmern verkauft. Seine Geschichte erzählt etwas ganz anderes.
Das erste Patentgesetz erließ die Republik Venedig 1474. In England waren Patente zunächst königliche Privilegien, also Monopole, die die Krone an Günstlinge vergab oder verkaufte, auf Salz, auf Spielkarten, auf alles Mögliche. Das Statute of Monopolies von 1624 schaffte diese Pfründenwirtschaft ab und ließ nur eine Ausnahme bestehen: das befristete Monopol für den „first and true inventor“. Wie dieses Erfindermonopol dann in der Praxis wirkte, zeigt der berühmteste Fall der Industriegeschichte. James Watt ließ sich 1769 seine Verbesserung der Dampfmaschine patentieren und erreichte 1775 beim Parlament eine Verlängerung bis zum Jahr 1800. Die Ökonomen Michele Boldrin und David Levine haben in „Against Intellectual Monopoly“ (2008) dargelegt, dass Watt und sein Geldgeber Matthew Boulton das Patent vor allem dazu nutzten, Konkurrenten juristisch auszubremsen, darunter die Entwickler der leistungsfähigeren Hochdruckmaschine. Richtig durchgesetzt hat sich die Dampfmaschine erst, als das Patent abgelaufen war. Das Erfinderrecht hat die Erfindung nicht befördert, es hat sie blockiert.
In Deutschland trat 1877 das Reichspatentgesetz in Kraft, maßgeblich vorangetrieben von Werner von Siemens. Bemerkenswert ist, wem das Patent zustand: nicht dem Erfinder, sondern dem, der es zuerst anmeldete. Für die großen Unternehmen war das ideal, denn die Erfindungen ihrer Ingenieure, Techniker und Arbeiter meldeten selbstverständlich sie an. Erst das Patentgesetz von 1936 stellte auf den Erfinder um. Fast sechzig Jahre lang war der Mensch, der die Idee hatte, im deutschen Patentrecht schlicht nicht vorgesehen.
Heute ist diese Aneignung nicht abgeschafft, sondern sauber geregelt. Nach dem Arbeitnehmererfindungsgesetz muss der Angestellte seine Diensterfindung dem Arbeitgeber melden. Gibt der Arbeitgeber sie nicht binnen vier Monaten frei, gilt sie nach § 6 Abs. 2 ArbnErfG als in Anspruch genommen, und alle Rechte an der Erfindung gehen auf ihn über. Der Erfinder erhält dafür nach § 9 ArbnErfG eine „angemessene Vergütung“. Man muss sich das klarmachen: Der Gesetzgeber geht als Normalfall davon aus, dass der Angestellte erfindet und der Arbeitgeber das Ergebnis übernimmt. Das Gesetz beschreibt damit nüchtern genau den Vorgang, den der Mythos vom genialen Unternehmer verschleiert.
Auch der Mythos vom Erfinder-Unternehmer hält dem Blick ins Labor nicht stand. Thomas Edison, der Inbegriff des genialen Tüftlers, hielt über tausend US-Patente. Erarbeitet wurden viele davon in seiner „Erfindungsfabrik“ in Menlo Park, mit Dutzenden angestellten Technikern, Mechanikern und Chemikern, deren Namen heute kaum jemand kennt. Auf dem Patent stand Edison. Das ist das Modell, nach dem bis heute gearbeitet wird: Die Ideen entstehen in vielen Köpfen, der Name und die Rechte landen bei einem.
Ich habe in „Geistiges Eigentum: Die große Illusion“ beschrieben, dass es im strengen Sinn gar kein geistiges Eigentum gibt, sondern nur intellektuelle Güter, die durch uns hindurchfließen. Jede Erfindung steht auf den Schultern von Generationen, auf dem Wissen von Handwerkern, Lehrern, Forschern und Arbeitern, die nie ein Patent angemeldet haben. Das Patentrecht zieht um dieses Gemeingut einen Zaun und gibt den Schlüssel dem, der das Kapital hat. Es ist die Einhegung der Allmende, diesmal im Kopf.
Die ökonomische Macht kauft sich ein, was sie braucht
Seien wir ehrlich. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber die Regel lautet: Die ökonomische Macht kauft sich die Intelligenz ein, die sie braucht. Sie kauft sich Ingenieure, Programmierer, Wissenschaftler, Juristen, Berater und Werbestrategen. Sie hat Visionen und Utopien im Kopf, aber die Fähigkeit, sie umzusetzen, muss sie sich auf dem Arbeitsmarkt besorgen.
Ganz offen geschieht das bei den großen Übernahmen. Google hat YouTube 2006 nicht erfunden, sondern gekauft. Facebook hat Instagram 2012 und WhatsApp 2014 nicht entwickelt, sondern gekauft. Apple hat die Sprachassistentin Siri 2010 übernommen, deren Grundlagen aus einem Forschungsprojekt stammten, das vom US-Verteidigungsministerium finanziert worden war. In der Branche gibt es dafür sogar ein eigenes Wort, das „Acqui-Hiring“: Man kauft ein Start-up nicht wegen seines Produkts, sondern wegen der Leute, die darin arbeiten. Die Innovation wird eingekauft, die Belegschaft gleich mit, und anschließend steht der Konzernchef auf der Bühne und lässt sich als Visionär feiern. Abgegriffen wird unten, ausgezeichnet wird oben.
Und wo die ökonomische Macht selbst „innovativ“ wird, geht es nicht selten in die umgekehrte Richtung. 1924 schlossen sich die großen Glühlampenhersteller, darunter Osram und Philips, zum Phoebus-Kartell zusammen und begrenzten die Lebensdauer ihrer Lampen künstlich auf 1.000 Stunden, obwohl die Technik längst deutlich mehr hergab. Wer haltbarere Birnen baute, zahlte Strafe. Die Ingenieure konnten bessere Lampen bauen. Die Eigentümer haben es verboten. Wie viel Arbeit auf diese Weise bis heute für den Müll verbrannt wird, habe ich in „Die Erwerbsarbeitsblase“ beschrieben.
Zur eingekauften Intelligenz gehören aber nicht nur die Ingenieure, die die Arbeit machen, sondern auch diejenigen, die anschließend erklären, warum das alles so sein muss: Ökonomen, Berater, Wirtschaftsweise, Talkshow-Experten und Philosophen. Helmut Schelsky hat sie 1975 die Sinn-Produzenten genannt, die Priesterschaft, die das Wertebewusstsein einer Gesellschaft verwaltet. In meinem Beitrag zu Schelskys Priesterherrschaft habe ich ergänzt, was Schelsky nur zur Hälfte gesehen hat: Die Priesterschaft und das Kapital arbeiten Hand in Hand. Das Kapital liefert die Finanzierung, die Sinn-Produzenten liefern die Legitimation. Ein Sprachphilosoph, der erklärt, „Unternehmer“ sei ein austauschbarer Begriff für jeden innovativen Menschen, erfüllt genau diese Funktion, ob er es will oder nicht. Er übersetzt ein Eigentumsverhältnis in eine Charaktereigenschaft.
Der Mittelstand als Schutzschild
Damit man mich nicht falsch versteht: Der Bäckermeister, der um drei Uhr morgens in der Backstube steht, der Schreiner, der selbst an der Hobelbank arbeitet, die Inhaberin eines kleinen Handwerksbetriebs, die mit ihren Gesellen auf der Baustelle ist – sie sind nicht gemeint. Sie arbeiten selbst, und oft verdienen sie weniger als ein gut bezahlter Angestellter in einem Konzern. Nicht selten arbeiten sie zu einem guten Teil für die Bank, die ihnen Werkstatt, Maschinen und Fahrzeuge finanziert hat.
Gerade deshalb ist der Mittelstand das perfekte Schutzschild der Erzählung. Immer wenn es um Vermögenskonzentration, um Erbschaften in Milliardenhöhe oder um die Macht weniger Konzerne geht, schiebt man den Handwerksmeister vor. Wer die Eigentumsfrage stellt, dem wird vorgehalten, er wolle dem kleinen Familienbetrieb an den Kragen. Der Bäcker muss als menschliches Schutzschild für Eigentumsverhältnisse herhalten, von denen er selbst überhaupt nichts hat. Das Rückgrat der Gesellschaft, von dem so gern die Rede ist, wird in Wahrheit getragen, und zwar von denen, die man nie auf eine Bühne holt.
Großzügigkeit ist kein Anspruch
Im Laufe der Debatte gab Jaber mir in einem Punkt durchaus recht. Er halte es für falsch, dass eine einzelne Person in unserem System so viel Reichtum auf sich vereinen könne, schrieb er, und es brauche ein „kluges und großzügiges Management“ bei der Verteilung von Wohlstand. Später sprach er sich für einen starken Staat und ein bedingungsloses Grundeinkommen aus.
Das klingt versöhnlich, verrät aber, dass sich an der Grundposition nichts geändert hat. Großzügigkeit ist ein Almosen, das man jederzeit wieder entziehen kann. Ein Anspruch ist etwas anderes. Er wird nicht von einem Management gewährt, sondern durch demokratische Entscheidungen durchgesetzt, mit Steuern, Eigentumsregeln und öffentlicher Kontrolle über die Infrastruktur.
Und Jaber schrieb, man habe „bis heute“ auch Arbeiter gebraucht. Das ist der eigentlich entlarvende Satz. Wenn die Maschinen künftig tatsächlich einen großen Teil der Arbeit übernehmen, wird die Eigentumsfrage nicht kleiner, sondern größer. Wer dann weder Arbeit noch Kapital besitzt, hat gar nichts mehr in der Hand. Er kann nicht einmal mehr seine Arbeitskraft verweigern, denn sie wird nicht mehr gebraucht. Ein Grundeinkommen, das unter diesen Bedingungen von den Eigentümern der Maschinen gnädig gewährt wird, ist keine Befreiung. Es ist eine Stilllegungsprämie. Die Frage, wem die Maschinen gehören und wer über ihre Erträge entscheidet, beantwortet keine Technologie. Sie beantwortet nur die Politik, ausgerechnet jene Politik, die in seinem Video für unfähig erklärt wird.
Der Sowohl-als-auch-Denker, der blockiert
Seine letzte Antwort schloss Jaber mit einem freundlichen Bekenntnis:
„Ich bin ein sowohl als auch Denker. […] Doch es ist typisch für uns Menschen, dass wir uns gegenseitig nicht zu gestehen können, dass wie facettenreiche Geschöpfe sind, die eine differenzierte Weltwicht haben können. :) Danke für diese angenehme Debatte.“
Ich habe darauf geantwortet, ebenso freundlich. Ich habe ihm die Bell Labs, das CERN, Mazzucato und Gutenberg genannt und geschrieben, dass die Ideen sehr oft von Angestellten kamen und dass sie sich sehr oft derjenige angeeignet hat, dem das Kapital gehörte. Erscheinen konnte das nicht mehr. Der Sowohl-als-auch-Denker hatte mich blockiert.
Die Debatte war also genau so lange angenehm, wie er das letzte Wort hatte. Sie endete an dem Punkt, an dem es um die Frage ging, wer die Erfindungen macht und wer sie sich zuschreibt. Das ist vielleicht die ehrlichste Antwort, die er geben konnte. Denn an dieser Stelle hat der Mythos vom Unternehmer kein Argument mehr, nur noch einen Knopf zum Blockieren.
Unternehmer sind keine gesellschaftlichen Übermenschen. Sie sind, von Ausnahmen abgesehen, diejenigen, die über das Kapital verfügen, um sich die Intelligenz, die Arbeit und die Ideen anderer einzukaufen. Das ist eine Machtposition, keine Leistung. Erfunden, verbessert und gebaut hat im Großen und Ganzen der kleine Michel, am Band, in der Werkstatt, im Labor. Wer das ausspricht, ist nicht neidisch. Er nennt die Dinge nur beim Namen. Schelsky hatte recht: Die Arbeit tun die anderen.
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