Markus Krall erklärt staatliche Technologieförderung zur Katastrophe. Der Staat nehme erfolgreichen Unternehmen das Geld weg und verteile es nach dem Gutdünken von Politikern, die im Schnitt dümmer seien als der Durchschnittsdeutsche. Keine Säule dieses Arguments hält. Gewinn beweist keine Innovation. Die Steuerlast tragen vor allem Lohnabhängige und Konsumenten. Fast jede Schlüsseltechnologie der Gegenwart, vom Internet bis zum GPS, wurde mit Staatsgeld entwickelt. Noch erschreckender ist die Kommentarspalte darunter: Hunderte Likes für Politikerverachtung, null Likes für jeden, der nachrechnet.
Ich habe über Markus Krall auf diesem Blog inzwischen mehr geschrieben, als mir lieb ist. Über seine Goldwährung, sein Zensuswahlrecht, seine Kinderarbeits-Apologie, seinen Ruf nach der Todesstrafe und seinen Gott, der angeblich keine Steuern mag. Man sollte meinen, da käme nichts mehr. Es kommt immer etwas. Diesmal ist es ein Kurzclip aus dem Podcast „Ungeskriptet“, in dem Krall erklärt, warum staatliche Technologieförderung „katastrophal schlecht“ sei. Mir fällt dazu nichts mehr ein. Fast nichts.
Hier ist, was er sagt:
„Der Staat fördert Technologien mit Milliardensummen. Und da sagen die Leute, das ist doch was Gutes, der fördert neue Unternehmen, Neugründungen. Ich sage, das ist was katastrophal Schlechtes, wenn der Staat das macht. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Dieses Geld muss er vorher solchen Unternehmen wegnehmen, die bewiesen haben, dass sie Erfolg hatten, sonst wären sie nämlich nicht profitabel und würden keine Steuern zahlen. Das heißt, diese Unternehmen, die erfolgreich waren – und die sind deswegen erfolgreich, weil sie erfolgreiche Innovationen und Technologien entwickelt haben –, die müssen das bezahlen und dem Staat geben, dessen Politiker sich dann anmaßen, besser entscheiden zu können, welche Unternehmen dieses Geld bekommen sollten, um innovativ zu werden.“
Und dann der Satz, um den es ihm eigentlich geht:
„Wie das funktionieren soll, weiß ich nicht, zumal wir wissen, dass die Politik eine negative Auslese ist. In die Politik geht der, der es in der freien Wirtschaft zu nichts gebracht hat. Im Durchschnitt ist der Politiker dümmer als der Durchschnittsdeutsche. Der Politiker hat in der Regel keine Ahnung, welche Unternehmen innovativ sind, welche Technologien gut sind und welche förderwürdig sind oder sonst was.“
Das Argument hat drei Stockwerke. Keines davon trägt.
Erste Lüge: Gewinn ist der Beweis für Innovation
Kralls Kette lautet: Wer Steuern zahlt, ist profitabel. Wer profitabel ist, war innovativ. Also beraubt der Staat die Innovatoren. Das ist ein Zirkelschluss, der sich als Logik verkleidet. Profit entsteht genauso aus Marktmacht, aus Monopolstellung, aus Mieteinnahmen, aus Zinsen, aus Finanzgeschäften und aus erfolgreichem Lobbyismus. Ein Wohnungskonzern, der die Mieten hochzieht, ist profitabel. Innovativ ist er nicht. Ein Goldhändler, der Barren mit Krisenangst verkauft, ist profitabel. Innovativ ist er auch nicht. Krall müsste das wissen. Er war Vorstandssprecher eines solchen Goldhändlers.
Ausgerechnet ein Kommentator unter dem Video hat das sauber auf den Punkt gebracht: Nicht jeder Dachdecker, nicht jeder Lebensmittelhändler, nicht jeder Verpackungshersteller lebt von Innovation. Die meisten leben davon, dass sie ihre Arbeit zuverlässig machen. Dieser Kommentar hat null Likes.
Zweite Lüge: Der Staat beraubt die Erfolgreichen
Krall zeichnet das Bild eines Staates, der dem innovativen Unternehmer in die Tasche greift. Ein Blick auf die Steuerstruktur zerstört dieses Bild. Lohnsteuer und Umsatzsteuer bringen zusammen deutlich mehr als die Hälfte des gesamten Steueraufkommens. Körperschaft- und Gewerbesteuer, also die eigentlichen Unternehmenssteuern, liegen zusammen grob bei einem Achtel. Wer den Staat finanziert, ist die Pflegekraft, die Kassiererin, der Lagerarbeiter und der Rentner an der Supermarktkasse. Nicht der Innovator wird beraubt. Er sitzt in der Regel auf der Empfängerseite.
Denn wohin fließen die Subventionen wirklich? Nicht vorrangig an Start-ups in Garagen. Sie fließen an die Großen. An die Autoindustrie, die seit Jahrzehnten mit Milliarden gepäppelt wird. An die Banken, die 2008 mit Steuergeld gerettet wurden, obwohl sie den Crash selbst produziert hatten. An Intel, dem für ein Werk in Magdeburg rund zehn Milliarden Euro zugesagt wurden, ehe der Konzern das Projekt 2025 beerdigte. Auch das hat ein Kommentator angemerkt: Die größten Subventionsempfänger sind große, profitable Firmen. Auch dieser Kommentar: null Likes.
Das Geld fließt also nicht von den Erfolgreichen zu den Neugründern. Es fließt von unten nach oben. Anthony Sutton hat dieses Muster als korporativen Sozialismus beschrieben: Gewinne privat, Risiken und Kosten öffentlich. Krall greift die Krümel an, die bei Gründern landen, und schweigt zum Kuchen, den sich die Konzerne teilen. Das ist kein Versehen. Das ist seine Klientel.
Dritte Lüge: Der Staat kann keine Innovation
Hier wird es historisch peinlich. Fast jede Schlüsseltechnologie, auf der Kralls geliebtes Silicon Valley steht, wurde mit Staatsgeld entwickelt. Das Internet entstand als ARPANET im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums. GPS ist ein Militärprojekt. Die frühe Halbleiterindustrie lebte von Aufträgen für Raketen- und Raumfahrtprogramme. Die Ökonomin Mariana Mazzucato hat in „Das Kapital des Staates“ nachgezeichnet, dass im Smartphone kaum eine Kerntechnologie steckt, die nicht aus öffentlich finanzierter Forschung stammt. Das MP3-Format kam aus einem Fraunhofer-Institut, also aus deutscher Forschung mit Steuergeld. Ich habe das schon einmal ausgeführt, im Beitrag „Das gehört uns“.
Und die libertären Helden selbst? Tesla überlebte 2010 mit einem Kredit des US-Energieministeriums über 465 Millionen Dollar. SpaceX wurde Ende 2008, kurz vor der Pleite, durch einen milliardenschweren NASA-Auftrag gerettet. Peter Thiels Palantir bekam frühes Startkapital von In-Q-Tel, dem Risikokapitalarm der CIA. Die Ikonen des „freien Marktes“ sind Staatskinder.
Wer den Gegenbeweis in Echtzeit sehen will, schaue nach China. Solarmodule, Batterien, Elektroautos: In all diesen Bereichen hat gezielte staatliche Förderung Weltmarktführer hervorgebracht, während der Westen den Markt „entscheiden“ ließ. Ein Kommentator hat genau das angemerkt. Wenn Krall nicht wisse, wie das funktionieren soll, könne er es sich in China ansehen. Likes: keine.
Krall widerspricht sich dabei selbst. In anderen Auftritten hat er Rüstungsausgaben als Konjunkturmotor und Technologietreiber gepriesen. Ich habe das im Beitrag „Der Rattenfänger“ dokumentiert. Rüstung ist staatliche Technologieförderung in Reinform, nur mit Sprengkopf. Das Steuergeld, das an Rheinmetall fließt, stört ihn nicht. Es stört ihn nur, wenn es nicht in die richtigen Taschen fließt.
„Negative Auslese“ – der Satz, um den es eigentlich geht
„In die Politik geht der, der es in der freien Wirtschaft zu nichts gebracht hat.“ Das sagt ein Mann, der fast drei Jahrzehnte in der Beratungsindustrie verbracht hat, ohne je etwas Materielles herzustellen. Der Vorstandssprecher eines Goldhändlers wurde nicht im Wettbewerb, sondern durch Berufung des Milliardärs August von Finck. Der heute von Büchern und Vortragshonoraren lebt. Ich habe diese Biografie im Beitrag „Tastatur-Eugenik“ auseinandergenommen. Wer im Glashaus sitzt, sollte über negative Auslese besser schweigen.
Der Satz ist aber nicht nur heuchlerisch. Er hat eine Funktion. Wer gewählte Volksvertreter pauschal für dümmer als den Durchschnitt erklärt, hat damit auch über die Wähler geurteilt, die sie ins Amt gebracht haben. Und genau dort will Krall hin. Er hat öffentlich vorgeschlagen, Menschen, die mehr vom Staat bekommen, als sie einzahlen, das Wahlrecht zu entziehen. Nachzulesen im Beitrag „Wenn ‚Freiheit‘ zur Tyrannei wird“.
Die Frage ist also nie: Entscheiden kompetente oder inkompetente Leute darüber, wohin Geld fließt? Die Frage ist: Entscheidet die Mehrheit oder entscheidet das Vermögen? Krall will die demokratische Verteilung durch die plutokratische ersetzen. Wenn der Staat nicht mehr fördern darf, entscheiden die, die das Kapital bereits haben. Das ist keine Entmachtung der Politik. Das ist ihre Übergabe an die Eigentümer.
Dabei ist Kritik an der politischen Klasse berechtigt. Nur liegt das Problem nicht in ihrer Dummheit. Es liegt darin, dass sie gekauft ist. Ein Kommentator hat genau das geschrieben: Der Durchschnittspolitiker sei nicht dümmer als der Durchschnittsbürger, er arbeite nur für andere Chefs als für das Volk. Das ist die Diagnose, die Krall nie stellt, weil sie auf seine eigenen Kreise zeigen würde.
Das eigentlich Schlimme: die Kommentarspalte
Krall ist, was er ist. Von ihm erwartet man nichts anderes. Was einem wirklich die Sprache verschlägt, ist das Publikum. Binnen Stunden sammelte der Clip über dreitausend Daumen nach oben. Darunter liest man Sätze wie diese:
„Sehr gut beschrieben ❤“ (102 Likes)
„Es gibt nichts was der Staat besser kann als der Markt. Außer rauben und erpressen.“ (88 Likes)
„Im Durchnitt ist der Politiker dümmer als der Durchnittsdeutsche. Was für ein geiler Satz. 😂 Aber wahr.“
„die haben unser geld einfach aus dem fenster geworfen. das ist hochverrat. bitte alle verantwortlichen lebenslang in den knast.“
„Krall bester Mann‼️“
„Geiler Typ.“
Man muss sich das vor Augen führen. Da feiern Arbeiter, Angestellte, Rentner und kleine Selbständige einen Mann, der ihnen in seinem Gesellschaftsmodell das Wahlrecht nehmen würde, sobald sie auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Sie klatschen ihrem eigenen Wahlrechtsentzug Beifall. Und sie finden den Satz „geil“, mit dem die Demokratie, die sie schützt, als Versammlung von Idioten verächtlich gemacht wird.
Einer fordert in derselben Atempause, in der er den Staat als Räuber beschimpft, lebenslange Haft für Verantwortliche. Von der libertären Freiheit zum Ruf nach dem harten Staat ist es eben nur ein Kommentar weit. Krall selbst hat es vorgemacht, als er die Wiedereinführung der Todesstrafe forderte.
Ein anderer erklärt, ein Unternehmen mit einer guten Idee brauche keine Förderung, es verkaufe sich allein durch das Produkt. Man möchte ihm das ARPANET schicken. Oder das GPS in seinem Handy, mit dem er vermutlich gerade den Weg zum nächsten Krall-Vortrag sucht.
Und jetzt das Bezeichnende. Es gibt sie, die Gegenstimmen. Einer weist auf die Milliarden für die Autoindustrie hin. Einer auf die Dachdecker, die von solider Arbeit leben und nicht von Innovation. Einer darauf, dass Großunternehmen ohne staatlich finanzierte Infrastruktur nichts wären und mit ihren Steuerberatern weniger zahlen als der Kleinunternehmer. Einer auf Monopole und Marktzutrittsbarrieren. Einer auf China. Sie alle haben eines gemeinsam: null Likes. Die Gegenrede findet statt. Aber niemand hört hin.
Das ist genau der Mechanismus, den ich in den „Schattenseiten der Aufklärungsszene“ beschrieben habe. Die Kanäle mit Reichweite reichen Krall herum wie Champagner. Ihr Publikum hat sich längst sortiert. Wer bis zum Ende zuhört und kommentiert, ist bereits eingefangen. Wer nachrechnet, bleibt unsichtbar.
Fazit
Markus Krall will nicht, dass weniger Staatsgeld an Unternehmen fließt. Die Bankenrettung, die Rüstungsmilliarden, die Steuerprivilegien der Konzerne greift er nicht an. Er will, dass weniger Staat für Menschen übrig bleibt. Was in seinem Modell verschwinden soll, ist nicht die Förderung. Es ist die demokratische Mitsprache darüber, wer sie bekommt.
Der Staat soll nicht aufhören, Geld zu verteilen. Er soll nur aufhören, die Mehrheit dabei mitreden zu lassen. Und die Mehrheit sitzt in der Kommentarspalte und klatscht.
Mir fällt dazu nichts mehr ein. Den Kommentatoren offenbar auch nicht. Außer Applaus.
Marigny de Grilleau
Weiterlesen: Markus Krall und der Libertarismus auf diesem Blog
Network (1976): Wie Hollywood uns die Wirklichkeit vorführte (23.09.2026)
Teil 2 – Tastatur-Eugenik: Die barbarische Realität der libertären „Freiheit“ (24.07.2026)
Der Rattenfänger – Warum Markus Krall kein Befreier ist, sondern ein Vollstrecker (30.06.2026)
Todesstrafe 2026: Brandstifter mit Universitätsabschluss (28.06.2026)
Sozialdarwinismus 2.0: Alte Ideologie, neue Verpackung (15.06.2026)
Leo XIV. an Markus Krall: Gott ist kein Libertärer (09.06.2026)
Das gehört uns – Ressourcendividende als Eigentumsrecht, nicht als Almosen (26.05.2026)
Markus Krall – Der Prediger der Besitzstandswahrung, oder: Gott will, dass du keine Steuern zahlst (16.04.2026)
Nietzsche als Propagandist der ökonomischen Macht – Zwei Bilder, die alles sagen (31.03.2026)
Die Strategie des Marktradikalismus (02.08.2025)
Die Schattenseiten der „Aufklärungsszene“: Eine kritische Analyse (21.03.2025)
Wenn ‚Freiheit‘ zur Tyrannei wird: Dr. Markus Kralls libertärer Kreuzzug gegen die Demokratie (15.01.2025)
Der gefährliche Siegeszug des Libertarismus: Von Argentinien bis Deutschland (06.12.2024)
Dr. Markus Kralls goldene Illusionen: Warum sein Währungsmodell uns alle ärmer machen würde (16.10.2024)
Von Suttons Analyse des Korporativen Sozialismus zur brutalen Realität in Deutschland (24.09.2024)
Markus Krall: Goldene Mythen und ökonomische Scheuklappen (22.09.2024)
Vorsicht vor dem Flötenspieler Markus Krall: Eine ideologische Gaukelei ohne Allgemeinbildung (16.10.2023)
Dieser Markus Krall ist gefährlich (06.10.2023)
Selbstbestimmung vs. Sozialstaat: Die Kontroverse um den Libertarismus in der alternativen Szene (11.09.2023)
Kampf gegen die Vergiftung: Die asozialen Libertären und ihre Gefahr für die Gesellschaft (03.08.2023)
Dr. Markus Krall im Auftrag des Establishments (03.11.2020)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen